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NISSIS KIEZTOUR: EINE ZEITREISE MIT FOTOGRAF GÜNTER ZINT

7. Juli 2022
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Am 27. Juni feierte der „Gebrauchsfotograf“ Günter Zint seinen 81. Geburtstag. Und zwar in Nissis Kunstkantine in der HafenCity. Garniert von einem Interview zu Nissis Talk-YouTube-Reihe. Abschließend ging es dann auf den Kiez.

Über Corny Littmann sagte er kürzlich „Littmann war mal links, inzwischen ist er link“, während Journalist Stefan Aust seiner Meinung nach niemals links war. Typisch Zintstoff. Meets Hippie „Love & Peace“.


Die Foto-Safari kann beginnen. Wir laden Sie ein zu einer fotografischen Zeitreise auf den Kiez mit Nissi Roloff und Günter Zint: „Zint spinnt soweit er noch kann.“ Blödzint mit Günter Zint. Zintstiftend.
Exklusiv in der digitalen Kunstgalerie Nissis Art Gallery.

Im Namen Günter Zint stecken viele Worte – unter anderem Zeit, Güte, grün, reizt, zittern, Züge. Etymologie enthüllt noch mehr. Der Name Günter stammt vom Proto-Germanischen Gunþiharjaz und ist eine Wortzusammensetzung aus Schlacht/ Kampf und Krieger. Im Althochdeutschen sind es die Wortbestandteile gund und heri, wobei aus heri später das Heer wurde. Offenbar war sein Weg an die „Front“ vorbestimmt – mit seiner Kamera. Eine kleine Vorwarnung für sensible Zeitgenossen: explizite Wortwahl im Text ist im Namen der Kunst unvermeidlich.

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Gentrifizierung ist auch auf St. Pauli ein gewisses Thema, aber um es mit den Worten von Günter Zint zu beschreiben: „St. Pauli bleibt grottig. Wir wollen nicht sauber werden.“ Die bunte Mischung macht den Reiz vom Kiez aus.

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Hein-Hoyer-Straße

Hier wohnte nicht nur Domenica, über die Zint sagte „Ihr Herz war viel größer als ihr Busen“, sondern um die Ecke in der Annenstraße lebte Günter Zint in der APO-Press-Kommune mit u.a. Ulrike Meinhof, Günter Wallraff, Stefan Aust und Henryk M. Broder.

Er gründete die linke Boulevard-/Männerzeitung „St. Pauli Nachrichten“, die es auf eine enorme Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren brachte. Im konservativen Fachjargon bot die Zeitung pornografische Bilder, oder eben fotografierten Sex, nebst teils brisanten, journalistisch ambitionierten Texten. Das Redaktionsbüro befand sich in der Hein-Hoyer-Straße.

Sein Stammitaliener befindet sich hier noch heute. Auf der gegenüberliegenden Seite der Reeperbahn, in der Davidstraße, ist die Taverna Hellas zu Hause – lt. Günter Zint das älteste griechische Lokal in Hamburg.

Die Hein-Hoyer-Straße im Vergleich:
Das Zint Foto „Betrunken auf dem Kiez“ stammt aus dem Jahr 1970.

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Weiter geht es über die Reeperbahn zum Hamburger Berg. Der Berg ist zwar seit ein paar Jahrhunderten verschwunden, dennoch war dieser Hamburger Vorort namens Hamburger Berg aber eben auch die Geburtsstätte des späteren Stadtteils St. Pauli.

Zwischenstopp beim Elbschlosskeller: Günter Zint bleibt selbstverständlich nicht unerkannt und wird freudig begrüßt. Inklusive Glückwünsche zum Geburtstag.

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Zint erzählt uns in einer kleinen Randnotiz, dass im Elbschlosskeller Domenica an der Stange tanzt – Poledance im Rollstuhl. Es handelt sich um eine Namensvetterin. Die Prostituierte mit Herz, Domenica Niehoff, starb bereits 2009 und bis zu deren Tod hieß die Stangentänzerin noch Dominique. Ob sich Günter Zint hier gern aufhalte? Ja, allerdings hält er es nicht lange aus.

Zum Goldenen Handschuh aka Honka Stube

Schräg gegenüber befindet sich die Honka Stube. Ficken und Lecken für 1,90 Euro. Filmkulisse für Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“, an dessen Produktion Günter Zint beteiligt war. Den Film selbst mag er nicht so sehr. Die Geschichte um Frauenmörder Fritz Honka gehört aber nun mal zur Geschichte St. Paulis wie Jack the Ripper zu London. So spielt das Leben in allen Facetten.

Der Goldene Handschuh – die „Partyzone“ ohne Zutritt für „Langweiler, Mießmacher und Spaßbremsen“.

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Let’s Talk About Sex…

Sex und Kiez – ein Thema für sich. Ob nun das Erotik-Theater Salambo (René Durands Salambo), in dessen ersten Räumlichkeiten (Große Freiheit 11) sich nun das Dollhouse befindet, oder Prostitution. Die Geschichte ist lang. Mit René Durand (unten links im Zint Foto „Rene – nackt“) war Günter Zint eng freundschaftlich verbunden. Durand sagte Anfang 1970 zu Zint „Du machst ja scharfe Fotos. Ab sofort arbeitest Du für mich.“ Für Domenica (oben links im Zint Foto „Domenica“) kochte er häufig.

Zint erzählt uns von Nadine Beck, der Sex-Wissenschaftlerin. Eigentlich wollte sie über „Sex im Alter(sheim)“ promovieren, doch sie entdeckte bei ihren Recherchen recht viel Sexspielzeug. Und so erforschte sie dann die Geschichte des Vibrators. 2019 veröffentlichte sie ihr Buch „Plug + Play: 150 Jahre Vibrator – Ein Jubelband“. Der Vibrator war nicht nur als Beruhigungsmittel, sondern auch als Heilmittel gegen Haarausfall und Leistenbrüche bekannt. Günter Zint war an der Entstehung dieses Buches beteiligt.

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Von Sex Zur Ritze

Die Hamburger Kultkneipe mit Boxring. „Platz der Legenden“ – sie war mal Lieblingskneipe von Udo Lindenberg, mit dem Zint eng befreundet ist. Jan Fedder hat seit kurzem eine Ehrentafel am Eingang des Lokals. Ansonsten war dies aber nie „die“ Lokalität von Günter Zint. Und so fotografiert er lieber Nissi Roloff vor dem „Platz der Legenden“, als dass er selbst vor dieser Wand abgelichtet werden möchte.

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Von der Ritze zum Schwanz – Der Kreis schließt sich: Die 1960er Jahre waren eine Zeit des Aufbegehrens gegen konservative Normen und Werte. Stichwort Sexuelle Revolution. Die Beatles waren ein integraler Bestandteil.

Nicht selten waren ihre Songs sexuell konnotiert. 1962 sangen sie „Long Tall Sally“ im Star-Club. Hier geht es um Gay Sex mit einer Dragqueen. „Polythene Pam“ zieht Referenzen zu S&M-Praktiken, „Happiness Is A Warm Gun“ mit der Zeile „Mother Superior jumped the gun” als Referenz zu Yoko Ono und „Please Please Me“ bedürfen keiner Metaphorikerklärung. Die BBC verbannte „I Am The Walrus“ aufgrund von „pornographic priestess“ und „you let your knickers down“, das gleiche Schicksal erlitt „Happiness Is A Warm Gun“. „Penny Lane“, „Why Don’t We Do It In The Road“ und „With A Little Help Of My Friends“ sind in ihrer Doppeldeutigkeit ziemlich witzig. Bezüglich des letzteren Songs hat Paul McCartney zugegeben, dass sie Ringo Starr dazu brachten, über seinen Schwanz zu singen, ohne dass sich Ringo dessen bewusst war.

Die Große Freiheit eben. Der Beatles-Platz vor dem Eingang zur Großen Freiheit wurde in Form einer Vinylschallplatte angelegt, initiiert von der Interessengemeinschaft Beat City, u.a Walter Mamminga, Landhaus Walter und eben Günter Zint. In den Rillen zwischen den Granitplatten sind Edelstahlbänder mit rund 70 eingravierten Songtiteln eingelassen. 

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Running Wild And Free

John Lennon hatte in der Hamburger Zeit der Beatles, die 1960 im Indra begann, während eines Konzertes im Star-Club nur mit Unterhose, Stiefeln und einer abgerissenen Klobrille um den Hals auf der Bühne gestanden. Eine weitere Geschichte besagt, dass er auch mal ziemlich Druck auf der Blase hatte und dann vom Vordach des gegenüberliegenden Colibri-Clubs pinkelte. Beobachtet von Nonnen oder eben von Nonnen bezeugt. Das Ganze wurde damals ziemlich aufgebauscht, die Nonnen seien voller Aufregung zum Pfarrer gerannt. Vielleicht auch in Erregung. Günter Zint bemerkt dazu, dass die Nonnen wahrscheinlich zum ersten Mal im Leben einen Schwanz sahen.

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Die Fotos von den Beatles und John Lennon stammen natürlich von Günter Zint.


Bevor wir zum Highlight der Tour, dem Star-Club gehen, folgt eine kurze Unterbrechung. Ein „kleiner“ akademischer (S)Exkurs:

Man könnte meinen, die heutigen Zeiten seien sexuell sehr frei. In der öffentlichen (Selbst)Darstellung sicherlich. In der privat gelebten Realität schaut es doch etwas anders aus. Laut einer GeSiD Studie aus den Jahren 2018 und 2019 gaben 37 % aller Männer zwischen 18 und 25 Jahren an, in den letzten 4 Wochen keinen Sex gehabt zu haben. Bei Frauen dieser Altersgruppe 33 %. Ähnlich hohe Werte finden sich bei Männern erst in der Altersgruppe von 56 bis 65 Jahren (32 %).

Das hartnäckige Gerücht, dass der männliche Sextrieb im Vergleich zu Frauen stärker ausgeprägt sei, ist längst wissenschaftlich widerlegt. Interessanterweise kennen lt. GeSiD Studie nur 31,6 % aller Männer Syphilis und nur 43,9 % Tripper. Bei Frauen ein ähnliches Bild: 33,3 % kennen Tripper (und dies bedeutet nicht persönliche Bekanntschaft) und 32,3 % Syphilis. Dafür hat HIV mit 71,1 % einen relativ hohen Bekanntheitsgrad.

Bei diesen Werten mutet die BIS2030 Strategie der Bundesregierung legitim an, doch stellt sich die Frage was in den letzten Jahrzehnten seit der sexuellen Revolution der 1960 und 70er geschehen ist. So hat die Strategie unter anderem das Ziel „ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, das die Akzeptanz von sexuellen Orientierungen und unterschiedlichen Lebensstilen fördert, das unterschiedliche Sexualpraktiken nicht tabuisiert, das die Kommunikation über Sexualität und sexuell übertragbare Infektionen fördert und das betroffene Menschen nicht ausgrenzt“; „Hinzu kommt, dass es den meisten Menschen nicht leicht fällt, über Sexualität und sexuell übertragbare Infektionen zu sprechen. Eine offene Kommunikation darüber ist wichtig, um sich und andere vor einer Infektion zu schützen und bei Bedarf diagnostische und therapeutische Angebote in Anspruch zu nehmen.“ Klingt einerseits nach Back to the Future, anderseits passt dies dann doch ins Gesamtbild.

Was das „Bewusstsein“ anbetrifft – 22 % aller Männer benutzten beim Sex in ihrer Singlephase in den letzten 12 Monaten kein Kondom, 37 % nur manchmal. Außerhalb der Beziehung erhöhen sich die Werte auf jeweils 44 %. Bei Frauen schaut es geringfügig anders aus: in der Singlephase 26 % nie und 42 % manchmal. Außerhalb der Beziehung: 44 % nie und 42 % manchmal. Die Hauptgründe bei Männern und Frauen, egal ob Single oder außerhalb der Beziehung: Sie waren sich sicher, dass beide gesund sind und Sex mit Kondom sei weniger lustvoll.

Die Inzidenzrate für Syphilis lag im Jahr 2019 bei 9,54 pro 100.000 Einwohner und 2018 und 2020 bei 8,87 bzw. 8,88. Hepatitis B hatte im Jahr 2018 einen Inzidenzwert von 5,4. Im Vergleich dazu betrug die Inzidenz bei Erkrankungen durch Legionellen 1,7 und Salmonellen 16,3. Für Deutschland existiert keine generelle Meldepflicht für Tripper, doch gemäß RKI stieg der gemeldete Wert aus Sachsen von 1,8 im Jahr 2001 auf 19,9 im Jahr 2019. Erkrankungen durch Salmonellen lagen in Sachsen 2018 bei 22,3.

Wie unterschiedlich doch das Bewusstsein beim Genuss von „Eiern und Fleisch“ ausfällt. Immerhin kennen 10,5 % aller Männer und 10 % aller Frauen Hepatitis B.


Star-Club: Let The Music Play. Party On.

Der Star-Club existierte von 1962 bis Ende 1969. In dem ehemaligen Kino war „nur“ für offiziell 600 Besucher Platz, bei den großen Konzerten kamen allerdings 1.200 Besucher, um die Beatles, Jimi Hendrix, Ray Charles, Chuck Berry, Fats Domino, The Rattles, Bill Haley und viele mehr hautnah zu erleben.

Anschließend zog das Salambo von René Durand von der Großen Freiheit 11 in diese Lokalität um, welche 1983 durch einen Brand zerstört und dann 1987 abgerissen wurde.

Mehr zur Geschichte der Beatles und des Star-Clubs in Bild und Ton:
https://www.dw.com/de/wie-die-beatles-im-hamburger-star-club-ihren-sound-fanden/a-54331309

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Die Tafel und den Gedenkstein für den Star-Club brachte Günter Zint ins Rollen. Die Rolling Stones („Bad Guys“) spielten zwar nicht im Star-Club, sondern 1965 in der Ernst-Merck-Halle, dafür Ekstase und Randale inklusive.

Die „Good Guys“ Beatles folgten 1966 mit 2 Blitzkonzerten. Hamburger Abendblatt Kommentar: „Eine vielköpfige Horde Jugendlicher, die sich am Dammtorbahnhof zusammengerottet hatte, zog randalierend durch die Straßen. Um 23 Uhr wurden in der Mönckebergstraße von den Radauhelden große Schaufensterscheiben eingeschlagen (…) Schutzpolizei und Kriminalbeamte griffen zu Gummiknüppeln. Jetzt gab es kein Pardon mehr. Großalarm für die Polizei.“ 

Wilde Zeiten. Mit den Beatles trank Günter Zint Bier und Jimi Hendrix hatte bei ihm gewohnt, da dieser aus dem Hotel geflogen war, weil er zu laut Musik hörte.

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Günter Zint: Jimi Hendrix (Experience) in Hamburg, 1967

Die Bühnengarderobe des Star-Clubs befand sich hinten links im jetzigen Innenhof und geradeaus war die Bühne. Zeit für eine kurze Pause zum Durchatmen.

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Auf zu Olivia Jones (Bar):

Sexuell betrachtet sei Olivia Jones nicht sein Beuteschema. Außerdem beichtet Günter Zint, dass er eher auf Blümchensex steht. Ob die florale Tapete ihn zu dieser Aussage verleitet hat, bleibt sein Geheimnis. Ansonsten sei OIivia ein feiner Kerl.

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Time To Say Bye Bye

Der Song, der ihn zuletzt berührt hat, war nicht „Time To Say Goodbye“, sondern da gibt es nur einen einzigen, der ihn immer wieder berührt und er hofft auf die Jugend und Junggebliebenen, dass die Erde zu einem liebevolleren Planeten voller Liebe (Wortwahl des Autors in Ergänzung zu Günter Zints Gedanken) gestaltet werden kann. Bevor wir verraten, um welchen Song es sich handelt, sei gesagt, dass Günter Zint kaum Fleisch isst, da die meisten seiner „WG“ (eher Kommune) Bewohner Veganer und Vegetarier sind. Er findet Wildfleisch (Running Wild and Free) aber großartig und Döner mag er überhaupt nicht essen („Abfallfleisch“).

Surprise Surprise: Ein Song an die Vorstellungskraft

Mach’s gut Günter. Es war uns eine große Ehre.

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Die Foto-Ausstellung „Kiezromantik und Urban Stories“ mit Werken von Günter Zint, Janick Zebrowski und Alain L.L. Marie läuft noch bis 18. August. Handsignierte Fotos von Günter Zint sind bei uns zum Kauf erhältlich.

Die Videos zum Interview in Nissis Kunstkantine und der Kieztour folgen in Kürze auf unserem YouTube Kanal.

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